Authors meet critics

Wir, Sonja Buckel & Dirk Martin, wollen mit interessierten Leser*innen einen noch nicht publizierten Artikel diskutieren, der im Sammelband von Ulf Bohmann und Paul Sörensen (Kritische Politikwissenschaft, Berlin: Suhrkamp Verlag) erscheinen wird. Dies wird außerhalb des eigentlichen Programms stattfinden (genauere Infos folgen) und der Text wird den angemeldeten Teilnehmer*innen zuvor zugesendet.

Aspekte einer gesellschaftskritischen Theorie der Politik

Gesellschaftskritische Theorie der Politik bezieht sich auf ihren Gegenstand kritisch in zweifacher Weise: Sie ist Kritik der Politik und Kritik der hegemonialen Form politischer Wissenschaft. Kritik der Politik ist sie, indem sie die spezifische Form, die Politik in der bürgerlichen Gesellschaft annimmt, nicht als affirmativen Bezugspunkt der Analyse voraussetzt. Vielmehr wird die Besonderung von Politik und Staat in der bürgerlichen Gesellschaft als Moment der Konstitution und Stabilisierung spezifischer Herrschaftsverhältnisse begriffen, die die Dimensionen Klasse, Geschlecht und race sowie ihre jeweilige historisch besondere Verschränkung in den Blick nehmen. Damit notwendig einhergehend ist eine Kritik vorherrschender politischer Wissenschaft verbunden, die sich sowohl in ihrer deskriptiv-analytischen als auch in ihrer normativen Perspektive auf die Form und die Institutionen der Politik in der bürgerlichen Gesellschaft bezieht, um sie entweder angemessen zu beschreiben oder an ihre eigentlichen vermeintlich konstitutiven normativen Grundlagen zu gemahnen. Aus dieser doppelten Kritik der Politik in der bürgerlichen Gesellschaft folgt nicht, dass die gesellschaftskritische Theorieperspektive selbst ‚politiklos‘ wäre. Im Gegenteil könnte in Analogie zu Gramscis Konzept des erweiterten Staates davon gesprochen werden, dass sie einen erweiterten Begriff der Politik zugrunde legt und ihre eigene theoretische Praxis als Politik der Herrschaftskritik versteht. In welchen Feldern und in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen diese spezifische Praxis ausgeübt wird, hängt selbst wiederum von Konjunkturen und Krisen der bürgerlichen Gesellschaft ab. Insofern ist die intellektuelle Praxis von Adorno und Horkheimer etwa auch keineswegs als unpolitisch zu interpretieren, sondern im Gegenteil eine eminent politische Praxis. Nicht zufällig verwendet Adorno den Begriff der Politik als Chiffre für die grundlegende und insofern revolutionäre Überwindung der Herrschaftsverhältnisse kapitalistischer Gesellschaften. Grundsätzlich ist gesellschaftskritische Theorie der Politik nicht ein rein epistemologisches Projekt. Sie ist vielmehr in das Handgemenge der gesellschaftlichen Kämpfe um Hegemonie verstrickt. Ihr Ziel ist die fundamentale Demokratisierung aller gesellschaftlichen Verhältnisse und die Überwindung herrschaftsförmiger Vergesellschaftungsformen.