Der NSU und migrantische situierte Wissen als Gegennarrativ (Stream A)

Unweit des Uni-Campus am Holländischen Platz wurde Halit Yozgat am 6. April 2006 in seinem Internetcafé durch den NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) ermordet. Halit zählt als das 9. und jüngste Opfer der rassistischen Mordserie des NSU. Direkt ein Monat nach dem Mord in Kassel fand eine Trauerdemonstration unter dem Titel „kein 10.Opfer“ statt, die von Angehörigen der Mordopfer Halit Yozgat, Mehmet Kubaşık und Enver Şimşek organisiert wurde. Diese Demonstration „kein 10.Opfer“ gilt heute als wichtiges Zeugnis für ein migrantisch situiertes Wissen von Rassismusbetroffenen.

Der seit 2013 laufende NSU-Prozess wird voraussichtlich in diesem Frühjahr 2018 abgeschlossen sein – das Buch NSU wird zugeklappt ohne den NSU als ein Komplex zu verhandeln. Mit aller Anstrengung wird der strukturell/institutionelle Rassismus sowie die Verbindung mit staatlichen Behörden wie Polizei, Verfassungsschutz als Bestandteile des NSU ausgelassen. Trotz der Versuche den NSU als eine isolierte Terrorzelle verkleinern wurden im Lauf des Prozesses dennoch weitere die Helfer*innen und Helfershelfer*innern sowie staatliche Behörden als Teil des NSU-Komplex sichtbar. Insbesondere waren hierfür die Aussagen der Angehörigen der Mordopfer wesentlich, um zu verstehen was der NSU-Komplex ist.

Daher werden wir in diesem Workshop unsere Perspektive auf die Kategorie des migrantisch situierten Wissen als Bedeutungs- und Wissensproduktion und als ermächtigende (Gegen)Narrative zur hegemonialen Perspektive lenken.

Ayșe Güleç ist Pädagogin und forschende Aktivistin an den Schnittstellen von Anti-Rassismus, Kunst, Kunstvermittlung und Migration. 2016 – 2017 war sie Mitarbeiterin der documenta 14. Sie ist aktiv der Initiative 6. April und in der bundesweiten anti-rassischtischen- kollektiven Bewegung Tribunal NSU-Komplex auflösen. 1998 – 2016 war sie im soziokulturellen Zentrum Schlachthof in Kassel im Bereich Migration sowie für lokale, regionale und europäische Vernetzungsarbeit tätig. Für die documenta 12 entwickelte sie den documenta 12-Beirat und wurde in der Folge dessen Sprecherin. Sie bildete als Mitglied der Maybe Education der documenta 13 Kunstvermittler*innen aus.