Workshops: Donnerstag, 29.07.2021

Workshopübersicht, 29.07.2021, 10-12 Uhr

  1. Introduction to Gramsci (English) – Bernd Bonfert
  2. Was sind Gewerkschaften und wofür brauchen wir sie? – Frauke Banse
  3. Entstehung und Entwicklung der Neuen Linken – Jan Hoff
  4. Jenseits der imperialen Lebensweise: Degrowth und sozial-ökologische Transformation – Ulrich Brand
  5. Die Rebellion der Angepassten: Antisemitismus und Antifeminismus während der Covid-19-Pandemie – Philipp Polta
  6. Open Access – Freier Zugang zu Wissen für alle! Möglichkeiten von Autor*innen und Initiativen von Bibliotheken – Sarah Dellmann
  7. Frauen- und feministische Bewegung in Argentinien: Annäherung an einen historischen Prozess, der alles verändern will – Paula Maether
  8. format /C: Digitalisierung und utopische Zukünfte? Eine Kurzwerkstatt – Felix Nickel, Hannah Grün
  9. Transformatives Organizing – Violetta Bock, Michael Heldt
  10. Global Care Chains und Sorge-Extraktivismus in der Corona-Krise – Christa Wichterich
  11. Neuer Autoritarismus in Brasilien: Gesellschaftliche Verhältnisse und sozialer Widerstand – Carolina Vestena, Nina Glatzer
  12. Reform, Revolution, Radical Transformation: Marxist Perspectives on the Transition to Socialism (English) – Alexander Gallas, Anne Engelhardt
  13. Trumpism & die Folgen. Das politische System der USA heute aus historisch-materialistischer Perspektive – Stefan Hohn
  14. Un_skripting sex: Begehren zwischen Normen, Individualität und Scham – Lore Völker
  15. Das Psychische ist politisch – machtkritische Perspektiven auf Trauma – Lea Stegmann, Eva Eyrich

1. Introduction to Gramsci (English)

Antonio Gramsci is widely known among critical researchers and activists – and for good reason. His concept of ‘hegemony’ has influenced significant intellectual and political evolutions of contemporary Marxism. Gramsci’s work allows us to understand the cultural and political dimensions of capitalist power, as well as to develop strategies to challenge it. Unfortunately, Gramsci’s ideas can be difficult to grasp. Writing under fascist imprisonment, many of his thoughts are fragmented and preliminary. This crash course therefore provides an introduction into Gramsci’s theory of hegemony. Reading original passages from his prison notebooks, we will make sense of Gramsci’s ideas and concepts and discuss their implications for current struggles.

Bernd Bonfert is a Postdoc at Cardiff University (Wales) where he conducts research into the social and solidarity economy, focusing particularly on non-capitalist food networks. His research is greatly influenced by the work of Gramsci and he has taught various courses about capitalist hegemony and social struggles.

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2. Was sind Gewerkschaften und wofür brauchen wir sie?

Die Frage klingt erstmal banal – alle meinen zu wissen, was Gewerkschaften sind. Irgendwie sind sie Mitgliederorganisationen und vertreten die Interessen von abhängig Beschäftigten. Aber welche Spannungen und Widersprüche ergeben sich aus dieser Funktion? Wie ist es um Solidarität bestellt? Was bedeutet es, dass Gewerkschaften eigentlich immer, sobald sie in Verhandlungen treten so genannte „intermediäre Organisationen“ sind? Wann sind sie kollektives „Schwert der Gerechtigkeit“ und wann eher schlicht „Serviceorganisation“ für Einzelpersonen? Was ist dran an dem Vorwurf, dass Gewerkschaften oder einzelne Gewerkschafter_innen sich leicht kooptieren ließen? Wie kann eine demokratische und solidarische Gewerkschaftspolitik aussehen? Diese und andere Fragen wollen wir diskutieren. Die Diskussion wird zum einen textbasiert stattfinden (Texte werden vorab bekannt gegeben), zum anderen auf eigenen Erfahrungen und Eindrücken fußen.

Frauke Banse hat zu internationalen Gewerkschaften geforscht – insbesondere in Ghana, Benin, Vietnam und Tunesien und beschäftigt sich mit Fragen der (internationalen) Solidarität. Sie ist bei GEW und ver.di aktiv und engagiert sich in der Kampagne UniKasselUnbefristet. An der Uni Kassel unterrichtet sie in der Politikwissenschaft.

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3. Entstehung und Entwicklung der Neuen Linken

Die Jahre 1957-1972 wurden vom französischen Philosophen Henri Lefebvre als „Periode der radikalen Negation“ bezeichnet. Hierbei stand die „Neue Linke“ im Mittelpunkt. Ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre entstand auf internationaler Ebene (Großbritannien, Japan, USA, Frankreich, Westdeutschland und in vielen anderen Ländern) eine “Neue Linke”, die in Abgrenzung gegenüber dem moskautreuen Parteikommunismus und der Sozialdemokratie nach neuen Wegen zum Sozialismus suchte. In diesem Vortrag geht es um Wandlungsprozesse, Theoriebezüge, Akteure, Vordenker und nicht zuletzt den internationalen Charakter der Neuen Linken. Dieser Crashkurs ist als vertiefende Veranstaltung gedacht.

Dr. Jan Hoff, lebt z. Zt. in der Nähe von München, promovierter Historiker (FU Berlin, 2009), habilitierter Politikwissenschaftler (Universität Kassel, 2016). Autor von Büchern über die internationale Rezeptionsgeschichte der Marxschen Ökonomiekritik und über die Geschichte emanzipationstheoretischen Denkens. Seit vielen Jahren in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit aktiv.

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4. Jenseits der imperialen Lebensweise: Degrowth und sozial-ökologische Transformation

Die sozialen und ökologischen Krisen und Katastrophen unserer Zeit werden durch eine imperiale Lebensweise versursacht, die sich viele Menschen im globalen Norden und zunehmend auch im globalen Süden zu eigen machen. Mit diesem Befund bürsten Ulrich Brand und Markus Wissen in ihrem Buch „Imperiale Lebensweise“ die Diskussion um globale Nachhaltigkeit(-sziele) und eine angeblich für alle machbare grüne kapitalistische Ökonomie kräftig gegen den Strich. In dem Workshop bei Herr*Krit geht es um die historische Entstehung und Verallgemeinerung der imperialen Lebensweise im Kontext von Kolonialismus und neokolonialer Ausbeutung sowie um Widerstände dagegen oder auch Kämpfe um Teilhabe. Zudem diskutieren wir Notwendigkeit und Ansätze einer umfassenden »sozial-ökologische Transformation« hin zu einer solidarischen Lebensweise.
Einführende Veranstaltung; Vorkenntnisse sind nicht nötig.

Ulrich Brand ist Professor für Internationale Politik an der Universität Wien und forscht unter anderem zu sozial-ökologischem Umbau. Im Sommer 2020 erscheint sein neues Buch „Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie. Klimastreiks, Krise der imperialen Lebensweise und Alternativen zur autoritären Globalisierung“ (VSA-Verlag).

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5. Die Rebellion der Angepassten: Antisemitismus und Antifeminismus während der Covid-19-Pandemie

Bei den Ideen von Querdenker*innen und anderen Coronaleugner*innen handelt es sich nicht, wie von ihnen imaginiert, um freidenkerisches oder revolutionäres Gedankengut. Im Gegenteil: Sie sind verschwörungsideologisch und stellen somit weder die kapitalistische Produktionsweise in Frage, noch sind sie in irgendeiner Art und Weise progressiv. Diese verschwörungsideologischen Ideen sind auf struktureller Ebene meist antisemitisch und antifeministisch konnotiert. Antisemitismus und Antifeminismus werden innerhalb des Crashkurses als intersektionale Ideologien erkannt; als Ideologien, die sich gegenseitig durchdringen, verschränken und verstärken. Die intersektionale Wirkungsweise wird anhand von Telegram-Channels aus dem Umkreis der sogenannten „Hygiene-Demos“ expliziert.

Philipp Polta hat an der Philipps-Universität Marburg Politikwissenschaft studiert. Der Schwerpunkt seines Studiums lag auf der (kritischen) politischen Ökonomie, den er auch mit demokratietheoretischen und feministischen Aspekten verbinden konnte. Er ist Mitglied in der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung. Derzeit interessiert er sich für die Analyse und Kritik moderner Verschwörungsideologien.

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6. Open Access – Freier Zugang zu Wissen für alle! Möglichkeiten von Autor*innen und Initiativen von Bibliotheken

Mit wissenschaftlichen Informationen lässt sich viel Geld verdienen. Jährliche Lizenz- und Abonnementskosten für Fachzeitschriften und Datenbanken von über tausend Euro pro Titel sind keine Ausnahme – oft sind diese Zeitschriften dann nur für Angehörige der Universität zugänglich. Die Mehrzahl wissenschaftlicher Publikationen erscheint in kommerziellen Großverlagen, die beachtliche Gewinne erzielen. Warum eigentlich? Im Gegensatz zu Journalist*innen leben Wissenschaftler*innen nicht von den finanziellen Erträgen ihrer Publikationen und Begutachtungen und Herausgeberschaft werden meist ehrenamtlich von Wissenschaftler*innen übernommen. Bibliotheken, Wissenschaftler*innen und Verlage, die sich der Open-Access-Bewegung angeschlossen haben, entwickelten Software- und Hardwarelösungen, Formate und Finanzierungsmöglichkeiten für den freien, unbegrenzten und nachhaltigen Zugang zu wissenschaftlichen Informationen. In diesem Crashkurs kommen die Geschichte der Open-Access-Bewegung, der Widerstand kommerzieller Großverlage, erfolgreiche Proteste von Wissenschaftler*innen und Redaktionsmitgliedern, Beispiele nicht-kommerzieller Publikationsformen, sowie Tipps für das eigene Publizieren im Open Access zur Sprache.
Der Kurs richtet sich an alle, die sich schon mal über Bezahlschranken zu wissenschaftlichen Informationen geärgert haben, die Wissen als Gemeingut verstehen und/oder die selbst publizieren. Keine Vorkenntnisse erforderlich.

Sarah Dellmann (Pronomen: sie/ihr) ist Referendarin an der Universitätsbibliothek Kassel und dort u.a. im Bereich Open Access tätig. Davor arbeitete sie als Film- und Medienwissenschaftlerin an niederländischen Universitäten und war Mitherausgeberin des Journals Early Popular Visual Culture. Sie setzt sich für community-getragene Formen des wissenschaftlichen Publizierens ein.

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7. Frauen- und feministische Bewegung in Argentinien: Annäherung an einen historischen Prozess, der alles verändern will

Ende diesen Jahres ist es den Frauen und der feministischen Bewegung in Argentinien nach mehr als 30 Jahren Kampf gelungen, die Abtreibung zu legalisieren. Dies ist das Ergebnis eines langen Prozesses, der seine historischen Wurzeln in der Massivität der Frauenbewegung hat, die sehr aktiv in der sozialen, politischen und gewerkschaftlichen Organisationen agiert. Die Entwicklung der Frauenkämpfe und der feministischen Bewegung war immer von den Widersprüchen eines Landes in permanenter Krise geprägt. Welche sind die historischen und politischen Merkmale, die es der Frauenbewegung ermöglicht haben, zu erkennen, dass es nicht möglich ist, sich von der patriarchalen Unterdrückung zu befreien, ohne daran zu denken, dieses System der Ungleichheit zu ändern, ohne ein gerechteres System der Verteilung des Reichtums zu haben? Die argentinische Frauenbewegung geht mehrheitlich davon aus, dass das patriarchale System ein Eckpfeiler des Kapitalismus und der Klassengesellschaft ist. Der Kampf der Frauen in Argentinien ist kollektiv und geht durch all diese Widersprüche mit der Überzeugung und dem enormen Wunsch, alle Unterdrückungsverhältnisse zu überwinden. Wir werden diese Prozesse aus historischer Perspektive betrachten und die aktuellen Entwicklungen beleuchten. In der anschließenden Diskussion können wir überlegen, welche Lehren wir daraus für die Situation in Deutschland ziehen können.

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8. format /C: Digitalisierung und utopische Zukünfte? Eine Kurzwerkstatt

„Digitalisierung“ – mit diesem (inflationären) Begriff beschreiben Unternehmen, Politik, Medien eine angeblich unabwendbare technologische Entwicklung an deren Endpunkt eine bessere Zukunft winken soll: bessere Ressourcenverteilung, sinnvollere Investitionen, „vernünftigere“ Regierungen und sogar eine Antwort auf den Klimawandel oder die Pandemie. In unserem Workshop wollen wir mit euch hinter diese Heilsversprechen schauen. Gerne wollen wir mit euch über linke Technikpolitik(en) diskutieren.

Es gibt viele Fragen, vielleicht können wir einige davon in unserer Kurzwerkstatt aufgreifen: Was haben lineare Zeitvorstellungen mit Herrschaft und Technik zu tun? Wie kann uns der Begriff der zukünftigen Gegenwarte und der Gegenwärtigkeit der Zukünfte weiterhelfen? Welche Möglichkeiten bieten technische Entwicklungen für solidarische Praxen und Entwürfe? Stehen wir kurz vor der Errichtung eines „Fully Automated Luxury Communism“ oder sind solche Vorstellungen eine gefährliche Unterschätzung des „technologischen Angriffs“? Welche Leerstellen haben populäre linke Technikutopien? Gibt es Wege zwischen Dichotomien zu denken und hoffnungsvolle Zukünfte zu entwerfen, die Möglichkeiten technologischer Entwicklung aufgreifen und solidarisch nutzbar machen? An Fragen mangelt es nicht, vielleicht finden wir zusammen einige Antworten.

Hannah Grün arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiter*in an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Helmut-Schmidt-Universität im Arbeitsbereich Mikrosoziologie und ist im Teilprojekt „Technisierung von Sorgearrangements“ des Hamburger Verbundprojekts „Sorgetransformationen“tätig. Aktuell forscht sie zu einer feministischen Perspektivierung von Umwelt im Kontext des Ambient Assisted Living und interessiert sich dabei besonders für die Sorge im und um das Alter(n). Ihr herrschaftskritisches Handwerkzeug hat Hannah u.a. während ihres Masterstudium der Global Political Economy sowie der Vortrags- und Workshopreihe „Um_lernen mit Athen“ an der Uni Kassel gelernt.

Felix Nickel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-SNF-Projekt „Digitale Entfremdung und Aneignung von Arbeit“ an der FH Münster und erforscht zusammen mit Kolleg*innen an Universität Basel, die Auswirkung der Digitalisierung auf Arbeitserfahrungen und Sinnwahrnehmung von Beschäftigten. Er beschäftigt sich mit den Themenfeldern Digitalisierung und Arbeit, Gewerkschaften, sowie Theorien des (Digitalen) Kapitalismus. Felix ist Mitglied des Zentrums für Emanzipatorische Technikforschung (ZET) und Co-Host des Podcasts „Democratize Work“. Als Alumni des Studiengangs Global Political Economy an der Universität Kassel ist er im Herzen eng mit der Herr*Krit verbunden.

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9. Transformatives Organizing

Im Workshop wollen wir das Prinzip des transformativen Organizing als systemverändernde Kraft herausarbeiten und konkrete Werkzeuge weitergeben, die uns helfen, uns zu organisieren und gemeinsam Interessen durchzusetzen. Wie verbinden wir konkrete Anliegen im Alltag mit der großen Systemfrage? Wie gewinnen wir neue Mitstreiter*innen, gerade unter denjenigen, die am meisten unter diesem System leiden? Wie schaffen wir uns eine lokal verankerte Basis, die international vernetzt ist? Methoden: Inputs, sowie direkte Anwendung durch Erfahrungsaustausch, Rollenspiele und Aufgaben. Kein Vorwissen nötig.

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10. Global Care Chains und Sorge-Extraktivismus in der Corona-Krise

Care Arbeit ist in aller Munde. Covid 19 hat die Systemrelevanz von Care-Arbeit und gesellschaftliche Abhängigkeiten von ihr deutlich gemacht. Die Pandemie hat die Krise sozialer Reproduktion verstärkt, aber ist nicht ihre Ursache. Sie macht zum einen strukturelle Mängel der Versorgung im neoliberalisierten Gesundheitssystem und unter dem permanenten Spardiktat sichtbar, zum anderen die systemische soziale und monetäre Unterbewertung und Überbelastung von Care-Arbeitskräften in der Kranken-, Alten- und Kinderbetreuung. Verschiedene Strategien des Sorgeextraktivismus sollen den Pflegenotstand in wohlhabenden Ländern und Haushalten überwinden helfen. Transnationalisierung von Care-Arbeit ist eine Strategie von Care-Extraktion, die auch in der Pandemie-Situation unsere Versorgungskrise mithilfe von Pflegekräften aus dem Globalen Süden/Osten managen soll. Damit wird diese Krise aber in die Herkunftsländer und –haushalte der ‚Anderen‘ verschoben.

In diesem Workshop wollen wir diskutieren 1) die Entwicklung (oder Rückentwicklung) von Global Care Chains in der Corona-Krise, 2) die strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber migrantischen Care-Kräften und ihre weitere Prekarisierung im Gesundheitswesen und 3) Perspektiven einer alternativen, solidarischen Organisierung von Care, basierend auf einer Rekommunalisierung und Entökonomisierung. Die Corona-Krise bietet die Gelegenheit, aber auch Notwendigkeit, Care-Arbeit zu (re)politisieren.

Christa Wichterich, Soziologin, war Gastprofessorin für Geschlechterpolitik an der Uni Kassel, hat das Konzept von Care-Extraktivismus entwickelt, beschäftigt sich mit transnationalen Arbeitszusammenhängen und war 2018/19 ICAS-MP Fellow der Max Weber Stiftung in New Delhi Indien, um dort zu Care-Sektoren zu forschen.

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11. Neuer Autoritarismus in Brasilien: Gesellschaftliche Verhältnisse und sozialer Widerstand

Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie fanden massive Demonstrationen und kollektive Mobilisierungsprozesse in zahlreichen lateinamerikanischen Ländern statt, wie zum Beispiel in Chile, Kolumbien oder Brasilien. Diese Proteste stellten das Wachstumsmodell und die autoritäre Politik der jeweiligen Regierungen in Frage. Unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen riefen transformatorische Projekte ins Leben, die auf Veränderungen der Geschlechterverhältnisse abzielten, durch Rassismus begründete soziale Ausgrenzung anprangerten oder die Beendigung der umweltzerstörenden Wirtschaftspolitik forderten. Während die Proteste in Chile oder Kolumbien in Teilen politische Erfolge erzielen konnten, bleibt die soziale und politische Lage in Brasilien hingegen weiterhin kritisch. Progressive Parteien und soziale Bewegungen schaffen es nicht eine Alternative zur derzeitigen Politik hervorzubringen, die sich den autoritären Entwicklungen unter der Regierung von Jair Bolsonaro entgegen stellen könnte. In unserem Workshop diskutieren wir zunächst theoriegeleitet über die Gründe eines wiedererstarkenden Autoritarismus in Brasilien. Einen Einblick in die Lage vor Ort geben uns brasilianische Akteur*innen, mit denen wir anschließend die Frage erörtern, wie sozialer Widerstand aktuell möglich ist. Keine Vorkenntnisse sind erforderlich, nur das Interesse daran, sich mit der Situation Brasiliens jenseits von Corona auseinanderzusetzen.

Carolina Alves Vestena arbeitet an der Universität Kassel am Fachgebiet für Politische Theorie und am Institut für Entwicklung und Frieden an der Universität Duisburg-Essen. Sie hat in Brasilien über die Sozialpolitik während der Regierungszeit der Arbeiterpartei (PT) promoviert und forscht aktuell über kollektive Mobilisierung für Arbeitsrechte sowie Rechtsmobilisierung und soziale Bewegungen.

Nina Glatzer arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Globale Klimapolitik der Universität Hamburg. In ihrer Promotion beschäftigt sie sich mit der ‚grünen‘ Finanzmarktpolitik von aufstrebenden Volkswirtschaften und den Auswirkungen auf eine nachhaltige Entwicklung in Subsahara-Afrika.

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12. Reform, Revolution, Radical Transformation: Marxist Perspectives on the Transition to Socialism (English)

In Marxist and labour movement debates, the question of the transition to socialism has been discussed at length. Often, these debates are based on a juxtaposition of  ‘reformist’ and ‘revolutionary’ approaches. This is a reflection of the deep divisions in European labour movements that emerged prior World War I. At the time, only a small number of activists and theorists tried to integrate the two perspectives, among them Rosa Luxemburg. In this workshop, we will focus on her reflections on Reform and Revolution – and on how they were taken up, six decades later, by Marxist state theorist Nicos Poulantzas, who advocated a transition to socialism based on a process of ‚radical transformation‘. We will ask where strengths and limitations of their strategic insights lie, and whether their ideas have any significance for socialist strategies in the present day and age. 
Some previous knowledge of Marxian social and political theories is useful for this workshop.

Alexander Gallas is an Assistant Professor in the Department of Political Science, University of Kassel, and one of the editors of the Global Labour Journal. In his monograph The Thatcherite Offensive: A Neo-Poulantzasian Analysis (Chicago, 2017), he analyses the reorganisation of class relations under the Conservative governments in Britain in the 1980s and 90s.

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13. Trumpism & die Folgen. Das politische System der USA heute aus historisch-materialistischer Perspektive

Nach vier Jahren der Präsidentschaft Donald Trumps blicken viele mit Sorge auf die USA. Das Land ist tiefer gespalten als je zuvor, manche sprechen gar von einem Cold Civil War. Dies betrifft nicht nur die Front zwischen Demokraten und Republikanern, sondern zieht sich auch quer durch beide Parteien. Obwohl die Demokraten eine Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses haben und das weiße Haus besetzen, gibt es doch innerhalb der Partei einen Riss zwischen den herrschenden zentristischen Democraten in der Folge von Clinton und Obama einerseits und dem progressiven Flügel um Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez andererseits, die eine innerparteiliche Opposition bilden und in der Ämtervergabe Bidens komplett leer ausgegangen sind. Die Republikaner auf der anderen Seite stehen vor dem Erbe Trumps: einer höchst polarisierten Basis, die angestachelt von Trump, sich immer weiter vom demokratischen Konsens entfernen und das Vertrauen in Wahlen als gewaltfreies Legitimationsmittel verlieren. Dies hat schon Anfang Januar dazu beigetragen, dass die Konservativen die Senatsstichwahlen in Georgia verloren haben. Was kann uns eine kritische Perspektive über diese Entwicklungen sagen? Was sind die historischen Hintergründe dafür, dass Trump so ein wichtiger Faktor in der US-Politik werden konnte und welche Entwicklungsmöglichkeiten ergeben sich aus seinem Erbe? Wir werden uns im Kurs mit den Entwicklungen der beiden großen Parteien beschäftigen und versuchen ein Bild des Landes mit Hilfe der historisch-materialistischen Parteientheorie zu erarbeiten.

Stefan Hohn promoviert an der Universität Kassel mit einer Arbeit zur historisch-materialistischen Parteientheorie.

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14. Un_skripting sex: Begehren zwischen Normen, Individualität und Scham

Im Kontext der sexuellen Liberalisierung hat sich auch Sexualität durch und durch vergesellschaftet. Für einige wenige mag Sex wirklich individuell definiert sein. Bei den meisten jedoch werden normative sexuelle Skripte und Narrative abgespeichert sein, die diesen Begriff mit Inhalt füllen. Wie aber ist es mir möglich, mein eigenes Begehren, ganz gleich woher es auch kommen mag, zwischen all den Ge_boten und Ver_boten, Lust und Scham, Zugehörigkeit und Individualität zu entschlüsseln? Wie finde ich mein „Ja“ und „Nein“, wenn doch überall von mir erwartet wird, es bereits zu kennen? Mithilfe nicht sexuell konnotierter Körperübungen und anschließender Reflexionsphasen wollen wir Anstöße und Methoden an die Hand geben, um den Weg zu einer selbstbestimmten, lustvollen Sexualität zu ebnen.  

Der Workshop findet in deutscher Sprache statt und steht allen Interessierten, mit oder ohne Vorkenntnisse, offen. Eine Bereitschaft zur Körperarbeit und der Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität ist jedoch unerlässlich. Dieser Workshop ist auf 12 Teilnehmende begrenzt.

Laura „Lore“ Voelker will das Und im Entweder-Oder. Sie ist Studentin, (politische) Bildnerin, Sexualpädagogin in Ausbildung, Freundin, Liebende und Geliebte und möchte sich am liebsten zugleich keiner Identitätskategorie zuordnen oder auch allen gleichzeitig. Ambivalenz und Ambiguität verleihen ihr Lebendigkeit, harte Grenzen, Eindimensionalität und dichotomes Denken lassen sie kopfschüttelnd zurück.

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15. Das Psychische ist politisch – machtkritische Perspektiven auf Trauma

Der psychiatrische Begriff „Trauma“ hat sich zunehmend in die Alltagssprache eingeschrieben. Dadurch werden Pathologisierungs- und Individualisierungsmuster in klinischen Diagnosestellungen weiter reproduziert. Die vorherrschende Begriffsverwendung schränkt die Handlungsfähigkeit der betroffenen Personen ein und nimmt gleichzeitig die Gesellschaft aus ihrer Verantwortung. Wir verstehen Trauma als Folge von Gewalt und somit untrennbar von Machtverhältnissen. Gemeinsam möchten wir in dem Workshop eine machtkritische Perspektive auf den Traumabegriff werfen, indem wir ihn in den gesellschaftlichen Kontext zurückholen. Wir betrachen hierfür einige Konzepte der Kritischen Psychologie mit dem Ziel, aus der Theorie eine Haltung und schließlich eine feministische Perspektive auf die Praxis zu erarbeiten.
Es gibt einen Grundlagentext. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Lea Stegmann hat Psychologie & Politikwissenschaften studiert und ihre Masterarbeit zum Thema der „Gesellschaftlichen Vermitteltheit von Trauma“ geschrieben. Derzeit arbeitet sie in der psychosozialen Beratung sowie in einem psychosozialen Zentrum für Menschen mit Fluchterfahrung.

Eva Eyrich studiert Psychologie (M.Sc.), Politikwissenschaften, Kunst und Philosophie (B.A.) an der Universität Kassel und beschäftigt sich in ihren Studien vor allem mit machtkritischen, feministischen Perspektiven u.a. auch bezüglich der Traumakonzeption in der Psychologie.

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