Workshops: Mittwoch, 28.07.2021

Übersicht der angebotenen Workshops, 28.07.2021, 14-16 Uhr

  1. Der bürgerliche Staat und seine Widersprüche (Norma Tiedemann)
  2. Welt retten oder Welt zerstören? – Welchen Einfluss hat Graffiti? (Gerrit Retterath)
  3. Extremismustheorie (Tom Uhlig)
  4. Femi(ni)zid(e) in Deutschland (feministisches Kollektiv aus Berlin)
  5. Erziehung- Zwischen Unbestimmtheit und Reproduktion (Lukas Schildknecht und Theresa Lechner)
  6. Es bleibt unbequem. Feminismus und Männlichkeit (Lukas Hoffmann und Naemi Jordan)
  7. Cancel Culture. Die Zukunft der Debattenkultur zwischen Meinungsfreiheit und Neuem Moralismus (Anna Müller und Ulla Stackmann)
  8. „Wer hat an der Uhr gedreht?“ Konzepte und Perspektiven radikaler Arbeitszeitverkürzung (4-Stunden-Liga)
  9. Transfeminismus und (Anti)Kapitalismus (Zoe*)
  10. Zwischen Ultraimperialismus und Neofeudalismus – Nachdenken über den modernen Kapitalismus im Weltmaßstab (Hannes Warnecke und Jan Ickler)
  11. Politik und Musik (Eva Gertz und Romke Buchholz)
  12. Einführung in die Antisemitismuskritik (Hanna Brögeler)
  13. Dirty Capitalism (Lukas Oberndorfer, Sonja Buckel, Ruth Sonderegger)
  14. Wie umgehen mit Rassismus, Sexismus und Antisemitismus in klassischen Werken der Philosophie? Workshop am Beispiel Rassismus bei Kant (Hannah Chodura & Lisa Gleis)
  15. Talking about social revolution… Konturen einer radikalen und umfassenden Gesellschaftstransformation (Jonathan Eibisch)
  16. Bourdieu’s state theory (Melehat Kutun)

1) Der bürgerliche Staat und seine Widersprüche

Auch wenn Marx sein Buch über den Staat nie geschrieben hat, gibt es doch in seiner Tradition der Kritik der Politischen Ökonomie eine ausdifferenzierte Theoretisierung des Staates in der bürgerlichen, d.i. in der kapitalistischen Gesellschaft. Ist der Staat Instrument der ökonomisch herrschenden Klasse; ist er neutrales Gefüge, das für jedes politische Projekt nutzbar gemacht werden kann oder etwas ganz anderes? Wir wollen uns materialistischen Analysen des Staates über Einblicke in die Werke von Marx, Gramsci, Poulantzas nähern und diese Perspektiven um feministische Untersuchungen der Zusammenhänge von politischen und ökonomischen Herrschafts-, sowie Geschlechterverhältnissen erweitern. Der Crashkurs ist geeignet als Einstieg für jene, die Interesse an materialistisch-marxistischer Theorie mitbringen.

Norma Tiedemann hat Global Political Economy studiert, arbeitet seit 2017 in der Politischen Theorie und interessiert sich seit längerer Zeit für Stadtentwicklung, feministische Theorie und Praxis und soziale Bewegungen.

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2) Welt retten oder Welt zerstören? – Welchen Einfluss hat Graffiti?

Gerade innerhalb der letzten Jahre hat die Vielfalt der Perspektiven auf das Phänomen Graffiti deutlich zugenommen. Die alte Debatte „Sachbeschädigung oder Kunst?“ wurde um viele neue, oft widersprüchliche Perspektiven ergänzt: So wurden im Phänomen Graffiti kapitalistische Strömungen, Möglichkeiten zur Stadtgestaltung, Wege der politischen Artikulation oder der Treibstoff für schnelles Gentrifizieren ausgemacht. Das bietet Platz für Diskussionen: Der Leitfrage „Was für Graffiti braucht die Gesellschaft?“ möchten wir in diesem Crashkurs nachgehen und uns fragen, welchen Unterschied Graffiti für unser Zusammenleben macht, machen kann und machen sollte. Dabei sollen ein Stadtspaziergang stattfinden und verschiedene Formen urbaner Kunst im öffentlichen Raum besprochen werden.

Gerrit Retterath ist Soziologe und arbeitet derzeit an seiner Promotion zu „Praktiken des Teilens“, welches die Gestaltbarkeit von Nachbarschaften mit den Mitteln der Kunst thematisiert. Für das Kulturzentrum Schlachthof leitet er das soziokulturelle Projekt Hier im Quartier. Seit über 20 Jahren interessiert er sich für die Graffiti- und Urban-Art-Kultur. Gerrit war jahrelang in den Kasseler Kunst- und Graffitiprojekten KolorCubes und Raum für urbane Experimente tätig.

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3) Extremismustheorie

Nach den Protesten gegen den G20- Gipfel in Hamburg gab der damalige deutsche Außenminister Sigmar Gabriel bekannt: „Die Täter unterscheiden sich überhaupt nicht von Neonazis und deren Brandanschlägen. Mit angeblich ‚linken Motiven‘ hat das alles nichts zu tun.“ Einige angezündete Autos oder Papierkörbe werden hier mit angezündeten Geflüchtetenunterkünften, der Mordserie des NSU und der gewaltsamen Verfolgung von allen, die in den Augen der Nazis als nicht-deutsch gelten, auf eine Stufe gestellt. Die Verwirrung Gabriels ist keine zufällige, sondern folgt dem Paradigma der Extremismustheorie, einem bis zur Unkenntlichkeit entstellenden Verständnis von Gesellschaft, nach dem die ‚gesunde‘ Mitte von ihren Rändern – Rechts- und Linksextremismus wie Islamismus – bedroht wird. Dieses Hufeisenmodell besagt, dass in der (vermeintlichen) Ablehnung der demokratischen Grundordnung sich die Extreme näher sind als sie es wahrhaben wollen, und ignoriert darüber den ständigen Schulterschluss konservativ-bürgerlicher mit völkisch Rechten Kräften.

Tom Uhlig ist Bildungsreferent der Bildungsstätte Anne Frank. Er ist Mitherausgeber der Freien Assoziation. Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie und der Psychologie & Gesellschaftskritik. 2019 veröffentlichte er gemeinsam mit Eva Berendsen und Katharina Rhein „Extrem Unbrauchbar. Über Gleichsetzungen von links und rechts“ (Verbrecher Verlag).

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4) Femi(ni)zid(e) in Deutschland

Dass Femi(ni)zid(e) (auch) in Deutschland ein existierendes Phänomen und ein strukturelles Problem sind wird von der deutschen Bundesregierung immer noch nicht anerkannt und von anderen Seiten rassistisch und klassistisch instrumentalisiert. Die Istanbul-Konvention des Europarats scheint nur langsam umgesetzt zu werden, während die AfD im Bundestag das Abkommen als „Genderwahnsinn“ einordnet und höchst rassistisch für den Wiederaustritt argumentiert. In Medien fallen oft verharmlosende Begriffe wie „Familiendrama“ oder „Eifersuchtstat“.  Auch bei Autounfällen oder im medizinischen Bereich sind FINTQA* gefährdeter als cis Männer.

Der Workshop soll einen ersten Überblick über die Situation in Deutschland geben und als Einstieg in die Thematik dienen. Spezifische Kenntnisse werden nicht vorausgesetzt, wir möchten uns gemeinsam dem Thema annähern.

Wir möchten außerdem noch eine explizite Triggerwarnung aussprechen bezüglich der Erwähnung und Thematisierung von Gewalt gegen Frauen und TINQA* auf ganz unterschiedlichen Ebenen (sexualisierte, medizinische, mediale, juristische, behördliche, rassistische, diskriminierende).

Wir sind ein feministisches Kollektiv was sich in Berlin gegründet hat. Wir sind alle drei weiß, cis weiblich, unterschiedlich sexuell orientiert und studieren Jura/Gender Studies an unterschiedlichen Orten. Kennengelernt haben wir uns im universitären Kontext. Mit geschlechtsspezifischer Gewalt, insbesondere Femi(ni)zid(en), haben wir uns auf unterschiedliche Arten im universitären, beruflichen und persönlichen Kontext auseinandergesetzt.

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5) Erziehung- Zwischen Unbestimmtheit und Reproduktion

Aus einer herrschaftskritischen Perspektive erscheint Erziehung suspekt, ist sie doch durchzogen von institutionellen und leiblichen Machtasymmetrien zu Gunsten der Erziehenden und in vielen ihrer reproduktiven Wirkungen konservierend für gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse.

Dieser Annahme gegenübersteht, dass sich die willentlichen Beeinflussungen in ihren Wirkungen dem Erziehendem entziehen. Das heißt es kann zu nichtintendierten Wirkungen ebenso kommen, wie zum Überschreiten sozialer Ordnungen etwa durch Autonomie oder Emanzipation.

Dies soll anhand des Slogans „Educate your son“ welche in feministischer Abgrenzung zum „Protect your daughter“ artikuliert wird, um patriarchale Unterdrückungsmuster zu durchbrechen, diskursiv durchexerziert werden.  So können Aspekte von Erziehungsprozessen reflexiv gewendet werden, die sich in einem Spannungsfeld bewegen, da sich sowohl reproduzierende Vorstellungen als auch herrschaftskritische Intentionen letztlich darin erschöpfen, dass Wirkungen nicht garantiert werden können.

Lukas Schildknecht, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Sozialpädagogik an der Universität Kassel. Forschungsschwerpunkte: Erziehungs- und Bildungsphilosophie; Theorien der Sozialpädagogik; Analyse diskursiver Praktiken; Kindheits- und Jugendforschung

Theresa Lechner (M.A. Erziehungswissenschaft) ist Universitätsassistentin und Dissertantin an der Universität Salzburg im Bereich Allgemeine Erziehungswissenschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Erziehungs- und Bildungsphilosophie sowie feministische Theorie und Geschlechterforschung.

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6) Es bleibt unbequem. Feminismus und Männlichkeit

Patriarchat abschaffen, das wollen wir alle. Dabei stehen wir oft an unterschiedlichen Positionen. Für viele geht es darum, mehr Raum zu bekommen, gehört zu werden und endlich selbstbestimmt leben und lieben zu können. Für Cis-Männer hingegen bedeutet es, sich zu verändern. Das ist nicht einfach: Bei sexistischer Scheiße nicht wegschauen. Zurückhaltender sprechen. Kritik annehmen und Fehler einsehen. Aber auch lernen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und sich von Stereotypen zu befreien. Also, das was Feminismus ermöglichen kann. Wie bekämpfen wir zusammen patriarchale Männlichkeiten? Wie finden wir Wege hinaus? Und was bedeutet eigentlich Männlichkeit? Zusammen wollen wir unbequeme und solidarische Antworten suchen. Kommt vorbei, mit oder ohne Vorwissen.

Lukas Hoffmann macht politische Bildungsarbeit unter anderem zu den Themen Männlichkeit, Kurdistan und Ziviler Ungehorsam und ist aktiv in verschiedenen sozialen Bewegungen gegen die Grausamkeiten dieser Welt.

Naemi ist zusammen mit Lukas in der Interventionistische Linken organisiert und Teil von she*claim. Sie versucht seit vielen Jahren zusammen mit vielen anderen dem Patriachat durch queerfeministische und antifaschistische Arbeit in den Rücken zu fallen.

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7) Cancel Culture. Die Zukunft der Debattenkultur zwischen Meinungsfreiheit und Neuem Moralismus

Seit 2018 begegnet uns in der deutschen Medienlandschaft immer häufiger der Begriff Cancel Culture, von dem teils widersprüchliche Definitionen im gesellschaftlichen Diskurs kursieren: von einem niedrigschwelligem Instrument von Online Aktivist:innen, über eine Form von Boykott, die sich in andere Protestbewegungen einbetten lässt, bis hin zur systematischen Verbannung von Meinungen, die nicht der political correctness entsprechen oder gar dem Versuch, als gegnerisch wahrgenommenen gesellschaftlichen Akteur:innen bewusst zu schaden. Insbesondere Fälle wie der von J.K. Rowling, Kanye West, Woody Allen, Lisa Eckhart oder Dieter Nuhr zeigen, dass die immer wieder aufkeimenden Debatten sich nicht nur um die Grenzen des Sagbaren drehen, sondern ganz zentral auch um die Freiheit der Kunst. Dabei ist Cancel Culture zum Kampfbegriff geworden, der das gesellschaftliche Kommunikationsklima beeinflusst und auch noch in Zukunft beeinflussen wird.

In unserem Workshop möchten wir den Begriff zunächst in eine größere Geschichte von Protestkultur einordnen und ihn von anderen Konzepten wie Boykott oder Zensur abgrenzen, aber auch die unterschiedlichen Ausprägungen des Phänomens in Deutschland und den USA beleuchten. Daraufhin möchten wir verschiedene Beispiele aus der Kunstszene aus queer-feministischer Perspektive betrachten und dabei folgende Fragen aufwerfen: Wie viel gesellschaftliche Verantwortung haben Kunst- und Kulturschaffende und in wie fern müssen sie diese wahrnehmen? Welche Gruppen beanspruchen oder verteidigen ihr Recht zu sprechen und somit gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe? Wer besitzt in diesem Aushandlungsprozess die Deutungshoheit und wer instrumentalisiert diese für ideologische Zwecke? Und schließlich ergibt sich daraus nicht nur die Frage, wie wir in Zukunft miteinander sprechen, sondern eben auch, wie wir miteinander leben möchten.

Anna Müller studierte Anglistik, Amerikanistik, Kultur- & Medienwissenschaften sowie Frauen- & Geschlechterforschung in München und Kassel. Seit 2016 arbeitet sie an ihrer Dissertation, welche sich mit der Darstellung von Homosexualität im zeitgenössischen Kino befasst. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen intersektionaler Feminismus, Gender- & Queer-Theorie, Männlichkeitsforschung, moderne und postmoderne Literatur und narrative Filmanalyse.

Ulla Stackmann studierte in München Anglistik und ästhetische Theorie. Zurzeit arbeitet sie an einem Promotionsprojekt zu Audio-Aufnahmen von Lyriklesungen. Im Fokus steht dabei die experimentelle Lyrik der 60er und 70er Jahre. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen intermediale Zusammenhänge, Lyrik, die Literatur der 60er und 70er Jahr, sowie ästhetische Theorien. Sie ist Promotionsstipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes.

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8) „Wer hat an der Uhr gedreht?“ Konzepte und Perspektiven radikaler Arbeitszeitverkürzung

„Keine Zeit!“, so lautet das Mantra des beschlagnahmten Lebens. In den konkurrenzhaften Mühlen kapitalistischer Verwertung verwandelt sich selbstbestimmte Lebenszeit in fremdbestimmte Arbeitszeit. Durch den ökonomischen und gesellschaftlichen Wandel, den die sogenannte Digitalisierung in Gang gesetzt hat, dass also menschliche Arbeitskraft im Produktionsprozess durch den Einsatz von Robotern und Computertechnologie in zunehmendem Maße überflüssig wird und Arbeiter*innen aus Normalarbeitsverhältnissen in flexible, unsichere und prekäre Jobs gedrängt werden, sind auch die Debatten um Arbeitszeitreduzierung erneut befeuert worden.

Im Gegensatz zur Profitorientierung könnten neue Formen der Arbeitsorganisation die Menschen als Zweck setzen, also solidarisch, bedürfnisorientiert und demokratisch sein. Die Verkürzung der Arbeitszeit würde eine geschlechtergerechte Umverteilung von Reproduktionsarbeit ermöglichen und könnte im Angesicht der Klimakrise auch die Chance bieten einen ökologischen Wandel einzuleiten, da es nicht nur einen direkten Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Gesamtarbeitszeit und CO2-Emissionen gibt, sondern die neu gewonnene Lebenszeit auch die Möglichkeit eines bewussteren Verhältnisses von Natur und Gesellschaft bieten würde.

Im Workshop wollen wir einen Blick auf verschiedene Aspekte des Themas Arbeitszeitverkürzung werfen und gemeinsam erörtern, inwiefern uns als Einzelne wie als Gesellschaft das Verhältnis von Arbeits- und Lebenszeit definiert. Was sind die ökonomischen Grundlagen, an denen sich Arbeitszeit bemisst? Wie hat sich Arbeitszeit geschichtlich verändert? Welche Konzepte von Arbeitszeitverkürzung gibt es und wie ist es um ihre Umsetzbarkeit bestellt? Mit Blick auf die Kämpfe und Debatten der Vergangenheit und Gegenwart wollen wir gemeinsam die emanzipatorischen Potenziale der gesellschaftspolitischen Forderung nach radikaler Arbeitszeitverkürzung ausloten.

4-Stunden-Liga: Als ein bundesweites Bündnis aus gewerkschaftlichen und linken Gruppen wie Einzelpersonen setzt sich die 4-Stunden-Liga für den 4-Stunden-Regelarbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich ein. Erklärtes Ziel ist die solidarische und bedürfnisorientierte Forderung nach radikaler Arbeitszeitverkürzung gesellschaftlich breit zu verankern. Die 2016 in Kassel gegründet Initiative hat mittlerweile Sektionen in mehreren deutschen Städten und versucht allerorts die Wiederaneignung selbstbestimmter Lebenszeit diskursiv, pädagogisch und kämpferisch voranzubringen.

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9) Transfeminismus und (Anti)Kapitalismus

Geht es in den Medien um trans Personen, dann wird meistens über Fragen von Identität, staatlicher und psychiatrischer Kontrolle gesprochen und geschrieben. Auch aktivistische Diskussionen in LGBTIQ Kontexten stellen diese Fragen häufig in der Vordergrund. Dieser Workshop schlägt vor, die Marginalisierung, Normierung und Unterdrückung von Transgeschlechtlichkeit auch als Ergebnis kapitalistischer Verhältnisse zu begreifen – ohne schlicht zu behaupten, wäre der Kapitalismus abgeschafft, gäbe es auch keine Trans-Unterdrückung mehr.

Konkret geht der Workshop der Frage nach, wie aktuelle neoliberal-kapitalistische Verhältnisse im Globalen Norden Transitionen, transgeschlechtliche Selbstverständnisse und Lebensweisen bestimmen sowie die Mögichkeiten transfeministischer Emanzipation beschränken. Davon ausgehend fragt er nach Startpunkten für einen antikapitalistischen Transfeminismus.

Teilnehmer:innen jeglicher geschlechtlicher Erfahrung sind willkommen. Keine vorherige Vertrautheit mit der Trans-Theorie erforderlich.

Zoe* Steinsberger ist eine transfeministische Aktivistin und Forscherin aus Wien. Sie promoviert zu Transfeminität in Lohnarbeit und lehrt an der Uni Innsbruck.

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10) Zwischen Ultraimperialismus und Neofeudalismus – Nachdenken über den modernen Kapitalismus im Weltmaßstab

Die Analyse und Kritik von Macht- und Herrschaftsverhältnissen beziehen sich notwendig auf die Kritik des Kapitalismus. Gegenwärtige kapitalistische Ökonomien stehen jedoch an einem Wendepunkt. Beobachtungen wie die Wiederkehr von Finanz- und Wirtschaftskrisen, Finanzialisierung, das Entstehen eines neuen Prekariats, ökologischen Verwerfungen,  die wachsende Bedeutung transnationaler Unternehmen oder die Entstehung von Plattform-Oligopolen fordern gängige Kapitalismustheorien heraus. Weitet sich Kapitalismus aus, oder löst er sich auf? Handelt es sich um Ultraimperialismus oder werden wir Zeug:innen von Re- oder Neofeudalisierungsprozessen? Wie lässt sich der derzeitige Kapitalismus beschreiben und was muss eine kritische Politische Ökonomie des Kapitalismus leisten? Wir wollen darüber nachdenken, ob und wo sich Grenzen kapitalistischer Vergesellschaftung im Weltmaßstab ausmachen lassen und wie diese konzeptualisiert werden können. Dieser Workshop richtet sich an all jene, die sich für Theorien des Kapitalismus sowie für Entwicklungstheorie interessieren und bereits Erfahrungen mit (heterodoxer) politischer Ökonomie gemacht haben.

Dr. Hannes Warnecke-Berger ist wiss. Mitarbeiter am Fachgebiet „Internationale und Intergesellschaftliche Beziehungen“ an der Uni Kassel. Er hat an der Uni Leipzig zu Formen der Gewalt in El Salvador, Belize und Jamaica promoviert und im Rahmen des Postdocs zu Arbeitsmigration und Remittances gearbeitet. Er interessiert sich für Politische Ökonomie, Migrationstheorien, Friedens-, Konflikt-, und Gewaltforschung, Nord-Süd Beziehungen und Entwicklungstheorie.

Jan Ickler ist wiss. Mitarbeiter am Fachgebiet „Internationale und Intergesellschaftliche Beziehungen“ an der Uni Kassel und promiviert zu Eliten und Rente in Lateinamerika. Er hat den Master Global Political Economy in Kassel studiert und interessiert sich für soziale Ungleichheiten, politische Ökonomie und Extraktivismus in Lateinamerika.

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11) Politik und Musik

Politische Lieder und Protestsongs waren seit jeher identitäts- und gemeinschaftsstiftend für soziale Bewegungen. Sowohl für die Arbeiter*innenbewegung wie auch für den Nazismus und Faschismus hatte Musik eine wichtige Mobilisierungsfunktion. Weiterhin transportiert (Pop)-Musik auch gerade dort Normvorstellungen wo sie explizit als nicht politisch auftritt.

Im Workshop wollen wir uns mit der Funktion politischer Lieder für die Arbeiter*innenbewegung und andere sozialen Bewegungen beschäftigen. Wir wollen außerdem diskutieren, inwieweit Musik eine ideologisch stützende Funktion für die Legitimierung und Aufrechterhaltung von Herrschaft haben kann, uns an einige Grundfragen der Musikästhetik herantasten sowie ein Lied aus der Arbeiter*innenbewegung gemeinsam einstudieren.

Teilnehmer*innen benötigen keine musikwissenschaftlichen Vorkenntnisse. Ein generelles Interesse an Musikgeschichte- und ästhetik und am gemeinsamen Ausprobieren und Musizieren wären zauberhaft, ist aber keine Voraussetzung.

Romke Buchholz studierte Musikwissenschaft, Politikwissenschaft und Global Political Economy. Er ist in verschiedenen Formationen musikalisch aktiv und leitet seit Sommer 2018 den Arbeiter*innenliederchor Kassel. Seine momentanen Interessensschwerpunkte sind die Musik der Arbeiter*innenbewegung sowie die Frage der Bedeutung der musikästhetischen Debatten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für zeitgenössisches Musizieren und Komponieren.

Eva Gertz

Eva Gertz studierte Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften. Bevor sie sich für den akademisch-aktivistisch politischen Weg entschied, war Musik ihr Interessenschwerpunkt. Die Schnittstellen und Begegnungen von Politik und Kunst, von Inhalt und Form sind wegweisend für ihre Auseinandersetzungen.

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12) Einführung in die Antisemitismuskritik

In diesem Workshop sollen die wichtigsten Ansätze von Antisemitismustheorien in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden erarbeitet werden, um ein Verständnis von Antisemitismus zu entwickeln. 

Dies wird seine Anwendung finden in der Betrachtung verschiedene aktueller Artikulationsformen von Antisemitismus, darunter: Antisemitische Straftaten, Strukturellen Antisemitismus und Schuldabwehr-Antisemitismus (Antisemitismus im Zusammenhang mit der Shoah). Aus gegebenem Anlass werden wir auch den Antisemitismus in der Anti-Corona-Bewegung thematisieren.

Ziel soll es sein, auch versteckten Antisemitismus zu erkennen, um Reaktionsmöglichkeiten zu schaffen. 

Einführende Veranstaltung, keine Vorkenntnisse erforderlich.

Hanna Brögeler: MA Interdisziplinäre Antisemitismusforschung, Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin und MA Psychologie an der International University of Psychoanalysis. Im Sammelband „Antisemitismus seit 9/11 Ereignisse, Debatten, Kontroversen“ von Samuel Salzborn, habe ich gemeinsam mit Jessin Boumaza einen Beitrag zu Antiamerikanismus/Antisemitismus veröffentlicht. Als Masterarbeit habe ich eine empirische Analyse zum Erinnern der Shoah in Deutschland verfasst. Zurzeit gebe ich ein Tutorium zu Psychoanalyse und Antisemitismus an der IPU Berlin. Besonders am Herzen liegt mir außerdem feministische Theorie.

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13) Dirty Capitalism

In unserem Workshop wollen wir das Konzept des Dirty Capitalism vorstellen und kollektiv weiterentwickeln. In der breit geführten Debatte um die Verschränkung von Herrschaftsverhältnissen (Intersektionalität, neue Klassenpolitik, Social Reproduction) will es einen gesellschaftstheoretischen Beitrag leisten, der am Kapitalismusbegriff zur Analyse heutiger Gesellschaften festhält, sich zugleich aber nicht auf Klassen, Akkumulationsdynamik, Mehrwertproduktion und Lohnarbeit verkürzen lässt (und in diesem Sinne ›rein‹ wäre). Eine solche Analyse erfordert eine kollektive Wissensproduktion, die wir im zweiten Teil des Workshops umsetzen wollen.

Prof. Dr. Sonja Buckel ist Professorin für Politische Theorie an der Universität Kassel, Vorsitzende der »Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung und Herausgeberin der Zeitschrift »Kritische Justiz«, Arbeitsschwerpunkte: Rechts- und Gesellschaftstheorie, europäisches Migrationsrecht.

Lukas Oberndorfer ist Wissenschaftler und Publizist in Wien. Er forscht zur europäischen Integration und der Krise des neoliberalen Kapitalismus.  Er schreibt u.a. für Mosaik und das Tagebuch.

Ruth Sonderegger ist Professorin für Philosophie und ästhetische Theorie an der Akademie der bildenden Künste Wien. Ihre Forschungsfelder sind: Geschichte der Ästhetik (im Kontext des kolonialen Kapitalismus), Praxistheorien, Cultural Studies, kritische Theorien und Widerstandsforschung.

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14) Wie umgehen mit Rassismus, Sexismus und Antisemitismus in klassischen Werken der Philosophie? Workshop am Beispiel Rassismus bei Kant

Ob in sozialen Bewegungen, im Netz oder in Institutionen wie der Bundeswehr und der Polizei: rechte Positionen werden beständig reaktualisiert und nehmen vermehrt radikalere Formen an. Vor dem Hintergrund dieser sozialpolitischen Problematik schaltet sich auch die Philosophie in öffentliche Debatten ein. So diskutiert sie in aktuellen Feuilletonartikeln zum Beispiel den Rassismus bei Kant.

Die Philosophie mag die Dringlichkeit der theoretischen Beschäftigung mit Rassismus, Sexismus und Antisemitismus zwar erkannt haben, doch hat sie diese bislang (noch) nicht in die eigene akademische Praxis integriert: Während sie sich stetig an den Klassikern ihres Kanons abarbeitet, findet die Auseinandersetzung mit rassistischen, sexistischen und antisemitischen Textstellen in klassischen philosophischen Werken – wenn sie überhaupt geleistet wird – ausschließlich in der Politischen Philosophie statt. Die Beschäftigung mit RSA in der Philosophie sollte dabei nicht allein auf textlicher Ebene verbleiben; genauso sollte es sie sich zur Aufgabe machen, ihre akademischen Strukturen und ihre wissenschaftliche Praxis kritisch zu durchleuchten. Denn wie umgehen, wenn plötzlich eine Textstelle im akademischen Kontext diskutiert wird, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts herabsetzt? Und: Wie können wir in der akademischen Praxis z.B. über eine rassistische Textstelle sprechen, ohne den Rassismus zu reproduzieren und ohne Einzelne in eine Betroffenheit zu weisen und Verletzungen zu erzeugen? Der Workshop setzt, in einem ersten Schwerpunkt (Textanalyse), bei den gegenwärtigen Debatten über Kants Rassismus an, greift prominente Positionen auf und diskutiert diese an exemplarischen Textstellen aus Kants Werken. Hierbei geht es einerseits um die Ebene der Sichtbarkeit, andererseits um die Entwicklung einer kritischen Kommentierungspraxis. Der zweite Schwerpunkt (praktische Wirkungen) befasst sich mit dem Umgang von RSA in der akademischen Praxis: Mithilfe welcher solidarischen Praktiken kann eine Vermittlung der Ebene philosophischer Auseinandersetzung mit ihren praktischen Wirkungen, mit Erfahrungen von Rassismus gelingen?

Hannah Chodura studiert im Master Philosophie in Jena und hat zuvor Philosophie-Künste-Medien in Hildesheim studiert. Sie ist  SWIP-Botschafterin und arbeitet an künstlerischen und philosophischen Projekten.

Lisa arbeitet hauptberuflich als Referentin für einen politischen Kinder- und Jugendverband (SJD-Die Falken) und kommt aus dem gesellschaftstheoretischen Hintergrund mit philosophischem Schwerpunkt.

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15) Talking about social revolution… Konturen einer radikalen und umfassenden Gesellschaftstransformation

Multiple Krisen verlangen umfassende Antworten. Damit emanzipatorische soziale Bewegungen Orientierung gewinnen können, lohnt es sich, sich mit dem anarchistischen Konzept der sozialen Revolution zu beschäftigen. Diese beschreibt eine radikale, umfassende und anhaltende Gesellschaftstransformation, die in in der Wirtschaft, Politik, Kultur, Ethik, dem Natur- und dem Geschlechterverhältnis stattfindet. Damit werden einerseits verschiedene Themenfelder verbunden und andererseits unterschiedliche Akteur*innen und soziale Gruppen zusammengebracht.

Wie können verschiedene Themenfelder, politische Strömungen und soziale Gruppen zusammen geführt werden und dabei ihre Autonomie wahren? Welcher gemeinsame Nenner kann gefunden werden, um eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform zu bestimmen? In welchem Verhältnis steht soziale Revolution zu radikaler Realpolitik, Protest und Revolte? Wie können wir uns heute sozial-revolutionär ausrichten? Nach einem Input wollen wir über diese Fragen gemeinsam nachdenken und diskutieren. Damit wir nicht zu abstrakt bleiben sind einige Vorerfahrungen aus der politischen Praxis hilfreich.

Jonathan Eibisch promoviert zur politischen Theorie des Anarchismus, lebte viele Jahre in Jena, wo er auch vielfältig politisch aktiv war und ist nun in Leipzig. Zu seinem Themengebiet gibt er Seminare und Workshops und fabriziert Texte, die er auf paradox-a.de festhält. Er sucht ähnlich ernste Menschen, mit denen er die Erneuerung und Verbreitung anarchistischen Denkens voranbringen kann.

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16) Bourdieu’s state theory

Unlike Bourdieu’s latest studies in state theory, his contributions to political sciences are overlooked, because of his status in sociology. Therefore, the course will attempt to incorporate Bourdieu’s discussions on the state by revisiting the main traditions in critical state theory. The aim of the course is to understand Bourdieu’s conceptualization of the state as part of the field of power. The course will refer also to his core concepts like “bureaucratic field”, “symbolic power”, “law”, etc. to understand an empirically grounded analysis of the state.

As a note: The course will be based on Bourdieu’s fundamental texts related state theory and connecting these to other critical discussions. Therefore, it will be an introductory course for who is interested in Bourdieu beyond his sociological studies.

Dr. Melehat Kutun,  Philipp Schwartz Fellow/post-doc researcher at Kassel University, kutunmelehat@gmail.com. She was one of the signatories of the «Academics for Peace» declaration. Her publications mostly focus on critical state theories, Turkish politics and contemporary political theory. She is also one of the members in Praksis Journal’s editorial board.

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