Integrationsdynamiken und Herrschaftsveränderungen in der Euro-Krise (Stream B)

Krisen sind hochpolitische Momente, in denen sich ein als akut wahrgenommener Problemdruck artikuliert, der politisches Handeln implizieren soll. In einem pädagogischen Krisenverständnis können sie zugleich Lernprozesse anregen. Dabei sind solche Lernprozesse, wie bereits die Beschreibung einer Konstellation als Krise, Produkte einer „Aneignung der Welt“. Krisen treten daher nicht einfach nur quasi „objektiv“ zu Tage, sondern werden auch dazu „gemacht“. Sie sind zwar tendenziell „offene Konstellationen“, zugleich können sie aber Akteur*innen begünstigen, die bereits die „diskursive Konstruktion“ einer Krise maßgeblich beeinflussten, zumal Kriseninterventionen immer auch ein Abbild gesellschaftlicher oder historischer Kräfteverhältnisse darstellen. So zeigt sich auch für die Euro-Krise, dass sie das Produkt eines selektiven Aneignungs- und Lernprozesses darstellt, der kriseninduzierte Integrationsdynamiken beschreibbar macht und Herrschaftsveränderungen anleitet; schließlich ist sie für viele doch zuvorderst eine angebliche „Staatsschuldenkrise“.

Vor diesem Hintergrund werden im ersten Teil des Workshops theoretische Prämissen zur Euro-Krise reflektiert, die im zweiten Teil des Workshops von den Teilnehmer*innen anhand einer Krisenintervention genauer analysiert werden sollen: dem 2010/11 als Rahmen einer koordinierten Fiskal- und Wirtschaftspolitik geschaffenen „Europäischen Semester“ (und im Besonderen das Instrument der „länderspezifischen Empfehlungen“). Die gewonnenen Erkenntnisse werden anschließend gemeinsam diskutiert und abschließend wird resümiert, welche Integrationsdynamiken und Herrschaftsveränderungen den Lern- und Aneignungsprozess in der Euro-Krise insgesamt kennzeichnen.

Johannes Gerken promoviert in Kassel am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften zu kriseninduzierten Transformationen europäischer Staatlichkeit im Kontext der Euro-Krise. Neben der Integrationsforschung zählen Staatstheorie und die Politische Ökonomie der EU zu seinen Forschungsschwerpunkten. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft arbeitet er zudem zu Lehrerprofessionalisierung, Europäisierung der Bildung und kritischer Bildungstheorie.