Kritische Theorie und Psychoanalyse (Stream B)

Das Verhältnis Kritischer Theorie zur Psychoanalyse war von Anfang an ein spannungsreiches und produktives, wenngleich diese Spannung im Laufe der Jahrzehnte merklich abgenommen hat und einem distanzierteren Desinteresse oder teilweise auch einer allzu harmlosen Inkorporation gewichen ist. Gehörte Psychoanalyse für die frühe Kritische Theorie Max Horkheimers, Theodor. W. Adornos, Herbert Marcuses und anderen zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Analyse von Subjektivität, verabschiedete Jürgen Habermas sich (1968) von der Inhaltlichkeit der Psychoanalyse bzw. dem Anspruch, inhaltlich wahre Erkenntnisse über konkrete Persönlichkeitsstrukturen gewinnen zu können, indem er die Psychoanalyse als eine Reflexionsmethodologie ausbuchstabierte und in diesem Zusammenhang die psychoanalytische Metapsychologie als eine inhaltsleere Metahermeneutik interpretierte.

Jedoch war es eines der großen Anliegen zur Gründung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, einer Irritation auf die Spur zu kommen, nämlich jener, „dass die Verfasstheit des gesellschaftlichen Subjekts nicht ohne Weiteres durch die Umstände und sozialen Bedingungen“ (Gast 2012: 20) in und unter denen es lebte, zu erklären war. Zur Grundlage des geschichtsmaterialistischen, dialektischen Denkens wurde hier eben die Einsicht, dass die Innenwelt der Subjekte gerade nicht als eine Reflexionsfläche gesellschaftlicher oder sozialer Variablen zu begreifen sei. Konstitutiv für die kritisch-theoretische Analyse des vergesellschafteten Subjekts war vielmehr, dass sich das Individuum keiner Kombinatorik austauschbarer Elemente verdankt. Dazu rekurrierten die Kritischen Theoretiker*innen der 1920er bis in die 1960er Jahre auf die Psychoanalyse, deren Gegenstand und Erkenntnisinteresse immer auf die Konstitution der Subjektivität gerichtet ist und die der Einsicht folgt, dass das, was das Subjekt hervorbringt, das Subjekt zugleich vergesellschaftet.

Im Workshop werden Texte Horkheimers, Adornos und Marcuses gemeinsam diskutiert. In einem zweiten Teil wird der Entwurf einer kritischen Theorie des Subjekts von Alfred Lorenzer Gegenstand gemeinsamer Lektüre sein.

Dr. Julia König ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der kritischen Theorie, der psychoanalytischen Sozialpsychologie, der feministischen und postkolonialen Theorie sowie in der Kindheitsforschung.