Neoliberale Globalisierung und soziale Reproduktion verstehen (Stream A)

Was hat soziale Sicherheit in Indien mit Profitinteressen von Versicherungen in Deutschland zu tun? Wieso sind polnische Pflegekräfte in deutschen Eigenheimen Teil transnationaler Wertschöpfungsketten? Und wie kann uns feministische politische Ökonomie dabei helfen, aktuelle Ausbeutungsformen im Bereich von sozialer und biologischer Reproduktion zu verstehen? Diesen und weiteren Fragen widmen wir uns in drei Schritten:

Zunächst erarbeiten wir uns ein konzeptionelles Verständnis davon, wie soziale Reproduktion im neoliberalen Kapitalismus analysiert werden kann. Dazu stellen wir Debatten der kritischen politischen Ökonomie der vergangenen Jahrzehnte dar und diskutieren mit euch neuere Begriffe wie Finanzialisierung des Alltags, imperiale Lebensweise und Sorge-Extraktivismus. Im zweiten Teil nutzen wir diese Konzepte, um in Kleingruppen Fallbeispiele aus aller Welt zu untersuchen. In der dritten und letzten Sitzung versuchen wir dann die Erkenntnisse zusammenzufassen und diskutieren Ausblicke und Widersprüche von aktuellen Kämpfen um eine alternative, solidarische Organisierung von Sorgearbeit.

Einführende Literatur: I.L.A. Kollektiv (Hrsg., 2017): Auf Kosten anderer. Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert, S.30-39. (kostenloser Download online)

Christa Wichterich versteht sich als scholar activist und ist seit den 1980er Jahren als kritische Wissenschaftlerin und Aktivistin in den Bereichen Geschlechtergerechtigkeit, Umwelt- und Entwicklungspolitik aktiv. In den vergangenen Jahren hat sie sich vor allem mit neuen Care-Regimen und Fruchtbarkeitsmärkten beschäftigt und prägte in diesem Zusammenhang den Begriff des Sorge-Extraktivismus.

Anil Shah forscht aktuell zum Verhältnis von Finanzialisierung und sozialer Reproduktion in Indien. Er ist im Organisationsteam von herr*krit und Teil des I.L.A. Kollektivs, einer Gruppe von aktivistischen Wissenschaftler*innen, die das Konzept der imperialen Lebensweise anhand verschiedener Lebensbereiche für ein breiteres Publikum aufbereitet haben.