Soziale Bewegungen und Prekarisierung: Brasilien und Portugal zwischen staatlichem Autoritarismus, historischem Materialismus und Klassenkampf (Stream B)

Während der Staatskrisen in Portugal (2010 – 2015) und in Brasilien (2015 – heute) wurde von rechten Parteien vor allem die Prekarisierung der Arbeitswelt vorangetrieben und als Ausweg aus der Krise verkauft. Dies hat zum einen zu einer Schwächung gewerkschaftlicher und betrieblicher Strukturen geführt und stellt damit zum anderen nicht zuletzt die Selbstorganisierung der Lohnabhängigen infrage. Zugleich fanden in beiden Ländern massive Demonstrationen statt, die trotz der zunehmenden Prekarisierung neue Formen der Politisierung und Mobilisierung seitens der Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen mit sich brachten.

Angesichts dieses Kontexts wollen wir uns in dem Workshop mit den folgenden Fragen beschäftigen: Was bedeutet eigentlich Prekarisierung? Inwiefern hängt die Veränderung der Arbeitswelt mit einer Zunahme von Sicherheitsdiskursen und einer verschärften Gesetzgebung gegenüber Lohnabhängigen zusammen? Welche Beispiele gibt es, die zeigen wie sich der Prekarisierung der Arbeits- und Lebenswelt entgegen gestemmt werden kann?

Hierzu möchten wir uns im Workshop erstens auf theoretischer Grundlage mit Texten von Isabell Lorey und anderen Autor*innen zu “präsentischer Demokratie”, sozialen Bewegungen und kritischen Ansätze zur Prekarisierung beschäftigen. Zweitens werden wir anhand von eigenen transkribierten Interviews in die Feldstudien Portugal und Brasilien einführen. Wir werden sowohl die Veränderung der Gesetzgebungen diskutieren, als auch aufzeigen, wie auch Gesetze und scheinbare Grenzen, die durch staatliche und unternehmerische Strukturen gesetzt werden, verschoben und aufgebrochen werden können. Schließlich möchten wir mit Blick auf beide Fälle reflektieren, wie eine Gesellschaft aussieht, die frei von Angst vor fehlender Zukunftsperspektive ist. Welche Rolle spielen progressive soziale Bewegungen in dieser Hinsicht?

Carolina Vestena lebt bereits seit vier Jahren in Kassel, kommt aber ursprünglich aus Porto Alegre. Sie arbeit und promoviert im Fachgebiet für Politische Theorie an der Uni Kassel. In Brasilien hat sie in Rechtswissenschaft promoviert und in Rio de Janeiro gewohnt. Gerade findet sie Kassel aber viel cooler.

Anne Engelhardt lebt seit sechs Jahren in Kassel, kommt aber ursprünglich aus Ostberlin. Sie promoviert im Fachbereich Politik und Globalisierung zu Arbeitskämpfen im Logistiksektor. Dafür reist sie immer mal nach Portugal und Brasilien.