Panische Eliten. Autoritäre Vor- und Darstellungen des Ausnahmezustands (Stream B)

Katastrophen gehören zur Menschheitsgeschichte: Mythen wie die Sintflut strukturieren religiöse Zeitvorstellungen, Revolutionen und gesellschaftliche Krisen unsere Vorstellungen eines ‚historischen‘ Zeitverlaufs selbst. Ein Ereignis als ‚Katastrophe‘ auszurufen ist dabei eine politische Handlung: Der Alltag wurde auf die eine oder andere Weise unterbrochen, und nun müssen Maßnahmen ergriffen werden, um zur Normalität zurückzukehren. Im Namen dieser Rückkehr zum Alltag können wiederum Normen vorübergehend ausgesetzt, Gesetze und Rechte aufgehoben werden. In vielen Fällen werden dabei Vorstellungen gesellschaftlichen Zusammenbruchs, von Massenpanik und Plünderungen heraufbeschworen, die (gewaltsame) autoritäre Maßnahmen erst notwendig machen. Solche Vorstellungen werden durch mittlerweile tradierte Bilder und Erzählmuster vermittelt, aber ebenso an aktuelle politische Konflikte ‚angepasst‘ – so nahmen in den Krisenerzählungen in den USA des 19. Jahrhunderts noch europäische Anarchist*innen die Rolle ein, die beispielsweise nach dem Hurricane Katrina 2005 den African Americans als nur mit Waffengewalt zu kontrollierenden „Looters“ zugewiesen wurde.

Im Workshop wollen wir die gesellschafts- und politikwissenschaftlichen Grundlagen zu und Kritiken an solchen Vor- und Darstellungen betrachten und Werkzeuge erarbeiten, um entsprechende aktuelle Bilder und Narrative – ob in Massenmedien, politischem Diskurs oder der Popkultur – innerhalb ihrer historischen und zeitgenössischen Zusammenhänge zu dekonstruieren.

Jacob Birken forscht und schreibt zu Vorstellungen von Geschichte und Geschichtlichkeit in Kunst, Medien und Popkultur. Nach seinem Studium in Kunstwissenschaft und Medienphilosophie arbeitete er an unterschiedlichen Lehr- und Kultureinrichtungen und als freier Ausstellungsmacher. Seit 2017 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Geschichte Nordamerikas und Großbritanniens an der Uni Kassel.